Einführung

Pythagoras – der Politiker

Freundschaft aller mit allen: die Reden an die Stadtväter, die Jugend und die Frauen von Kroton, der geordnete Seelenzustand als Erziehungsziel und die Musik als erste Erzieherin.

Nach seiner Ankunft in Kroton sprachen sich die klugen Reden des Pythagoras schnell herum, und bald baten ihn die Stadtväter, auch vor ihnen zu sprechen. Sein erster Rat war, ein Heiligtum der Musen zu errichten, um die Eintracht der Bürger zu bewahren. Dass er gerade die Hüterinnen aller Harmonie an den Anfang stellte, verrät die Grundhaltung des Pythagoreertums.

Freundschaft aller mit allen

Das Ziel war die Freundschaft aller mit allen. Iamblichos beschreibt sie in vielen Stufen:

  • zwischen Göttern und Menschen, durch Frömmigkeit und wissende Verehrung
  • zwischen den Lehren untereinander
  • zwischen Seele und Leib
  • zwischen dem Vernunftbegabten und den vernunftlosen Wesen, durch Philosophie und geistige Schau
  • unter Mitbürgern, durch Treue zu den Gesetzen, die den Staat gesund erhält
  • zwischen Menschen verschiedener Herkunft, durch richtige Erkenntnis der Natur
  • zwischen Mann und Frau, Kindern, Geschwistern und Hausgenossen, durch unverbrüchliche Gemeinschaft
  • im eigenen Körper, als Ausgleich der widerstreitenden Kräfte durch Gesundheit, maßvolle Lebensführung und Besonnenheit, nach dem Vorbild des Zusammenwirkens der kosmischen Elemente

Hier begegnet ein wahrhaft umfassendes Menschheitsziel: eine Kette, die alle Menschen verbindet, die nach Vervollkommnung streben. Das war das Ziel seiner Erziehung für Staatsmänner, junge Männer und Frauen.

An die Stadtväter

Seine Erziehung der Politiker begann er sinngemäß so: Betrachtet das Vaterland als ein Pfand, das ihr gemeinsam von euren Mitbürgern erhalten habt. Verwaltet es so, dass euer Vertrauen auch auf eure Erben übergehen kann. Das gelingt, wenn ihr euch allen Bürgern gleichstellt und ihnen nur an Gerechtigkeit voraus seid. Diese Sätze möchte man in großen Buchstaben über jedes Parlament der Gegenwart schreiben.

Daraus leitete er die einzelnen Tugenden ab:

  • Die Regierenden sollen ihre Worte so wählen, dass sie auch ohne Eid verlässlich sind.
  • Auch ihr eigenes Haus muss dem Vertrauen gerecht werden, das ihr Amt verlangt: durch eheliche Treue und liebevolle Zuwendung zu den Kindern.
  • Sie sollen durch ihr geordnetes Wesen Vorbild sein und die Trägheit aus ihrem Handeln verbannen.
  • Die schlimmste Untat sei es, Kinder und Eltern voneinander zu trennen.
  • Am besten sei, wer das Nützliche aus eigener Einsicht vorhersieht. Am zweitbesten, wer es aus fremder Erfahrung lernt. Am schlechtesten, wer erst durch Unglück erfährt, was besser gewesen wäre.

Man hat den Eindruck, dieser Katalog sei für unsere Zeit geschrieben. Das gilt auch für seinen Rat zum Wettstreit um Ämter. Wer sich einsetzen will, solle sich die Sieger im Wettlauf zum Vorbild nehmen: Sie tun ihren Gegnern nichts Böses, sondern bemühen sich nur, selbst zu siegen. So sollen auch Politiker den Widersprechenden nicht schaden, sondern die fördern, die auf sie hören. Und wer echten Ruhm suche, solle wirklich so sein, wie er anderen erscheinen möchte.

Den Ersten einer Gemeinschaft ließ Pythagoras nur gelten, wenn er auch der Würdigste war. Kein Haus und kein Gemeinwesen sei je gut verwaltet worden, ohne dass einer wirklich der Erste war und mit Zustimmung der Bürger regierte.

An die Jugend

Die jungen Männer ermahnte er zur Achtung vor den Älteren und die Eltern höher zu schätzen als sich selbst. Sie sollten einander so begegnen, dass sie Freunden nie zu Feinden und Feinden möglichst schnell zu Freunden würden.

Die wichtigste Tugend der Jugend war ihm die Besonnenheit, denn in diesem Alter seien die Begierden am stärksten. Als warnendes Beispiel diente ihm der Trojanische Krieg, den jeder aus der Ilias kannte: Wegen der Zügellosigkeit eines Einzelnen, des Paris, der Helena raubte, stürzten Griechen und Trojaner ins Unglück.

Höchsten Wert legte er auf Bildung. „Bildung ist eine innere Schönheit“, sagte der Verehrer der Musen.

Auch einer natürlichen Sexualerziehung gab er Raum und berief sich dabei auf die Schule des Asklepios. Weder bei Pflanzen noch bei Tieren bringe das Frühreife gute Frucht. Kinder solle man mit Arbeit, Übung und einfacher Kost erziehen, die zu einem fleißigen, besonnenen Leben passt. Manches lerne man besser spät kennen, auch die Gaben der Aphrodite, und ein junger Mann solle vor dem zwanzigsten Lebensjahr nicht danach streben und auch danach maßvoll bleiben.

Wie immer man heute darüber denkt, bezeichnend ist der erzieherische Weg zu diesem Ziel. Er gelinge, wenn der geordnete Seelenzustand als etwas Ehrwürdiges und Schönes gilt, denn Zügellosigkeit und innere Ordnung finden sich nie im selben Menschen. Der geordnete Seelenzustand als Erziehungsziel ist ein bedenkenswertes Konzept. Die Pythagoreer wussten, dass die praktischen Tugenden des Alltags, ohne die Menschen und Völker nicht friedlich zusammenleben können, wie von selbst aus einer geordneten Seele erwachsen.

Vor der Geburt

Erstaunlich viel Raum gab Pythagoras der Vorbereitung, bevor Kinder gezeugt werden. Die Eltern sollten vorher besonnen und gesund gelebt haben, nicht übermäßig essen, nichts Schädliches zu sich nehmen und vor allem nicht betrunken sein. Den Pythagoreern galt als leichtfertig, wer ein Leben schafft, ohne mit allem Ernst dafür zu sorgen, dass dem neuen Menschen der Eintritt ins Dasein so glücklich wie möglich gelingt.

Hundefreunde und Vogelzüchter, so der Vergleich, wählten mit großer Sorgfalt die Eltern, den Zeitpunkt und die Verfassung der Tiere, damit die Jungen gut geraten. Die Menschen dagegen kümmerten sich nicht um ihre eigenen Nachkommen, zeugten aufs Geratewohl und zögen die Kinder nachlässig auf. Darin sahen die Pythagoreer den wichtigsten Grund für die Schlechtigkeit der meisten Menschen.

Hoch schätzte Pythagoras auch die Tapferkeit für ein freies Gemeinwesen. Er selbst soll Gewaltherrschaften beseitigt und zerrüttete Städte neu geordnet haben, so jedenfalls Iamblichos.

An die Frauen

Zu den Frauen soll er zuerst über die Opfer gesprochen haben. Wer bete oder ein Gelübde ablege, müsse rechtschaffen sein, denn auf solche Menschen hörten die Götter. Die Opfergaben sollten sie mit eigener Hand bereiten und selbst zum Altar bringen, nicht durch Sklaven. Mit Blutopfern ehre man das Göttliche nicht, und man solle bei keinem Anlass so viel aufwenden, als käme man nie wieder zum Altar.

Über das Verhältnis zum Ehemann riet er, ihm nicht zu widerstreben oder das Nachgeben als Sieg zu betrachten. Nach dem Zusammensein mit dem eigenen Gatten dürfe eine Frau noch am selben Tag ins Heiligtum treten, nach verbotenem Umgang nie. Ihr Leben lang sollten sie wenige und gute Worte sprechen und dafür sorgen, dass auch andere nur Gutes über sie sagen können.

Es folgt ein Lob der Frauen: Sie liehen einander Kleider und Schmuck ohne Zeugen, und nie entstünde daraus Streit. Daher komme der Mythos von den drei Frauen, die zusammen nur ein Auge hatten, so gut verstanden sie sich. Von Männern würde so etwas niemand glauben.

Er predigte auch die Schlichtheit. Die Frauen von Kroton sollen daraufhin ihre kostbaren Kleider nicht mehr getragen, sondern zu Zehntausenden als Weihgaben im Heiligtum aufgehängt haben.

Die Musik als erste Erzieherin

Zum Schluss führen alle pythagoreischen Erziehungsziele zu einem Weg zurück: dem Sehen schöner Formen und dem Hören schöner Rhythmen und Melodien. Deshalb gab Pythagoras der Erziehung durch Musik den ersten Rang. Iamblichos erzählt viele Beispiele, wie er mit Musik Zornige besänftigte, Träge anspornte und die Heilung Kranker, besonders seelisch Kranker, unterstützte.