Pythagoras – der Priester
Ein Gott, der die Menschen nicht aus dem Blick lässt, das Seelengericht, die Seelenwanderung und die Schonung alles Beseelten: die religiöse Seite des Pythagoras.
Das Göttliche sieht zu
Die Gotteslehre des Pythagoras könnte man einen Theismus nennen. Er lehrte, das Göttliche beobachte das Menschengeschlecht und lasse es nicht gleichgültig aus den Augen. Daraus ergibt sich seine Tugendlehre. Sie geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus zur Maßlosigkeit neigt und eine höhere Macht braucht, die ihn abschreckt und zu Besonnenheit und Ordnung ruft.
Deshalb lehrte Pythagoras auch ein Seelengericht. Iamblichos deutet das hintergründig: Pythagoras habe gewusst, dass die Erzählung vom Gericht über die Seelen zu Recht bestehe und dass sie nütze, weil sie vom Unrecht abschrecke. Nach seinem Gebot solle man lieber selbst Unrecht leiden, als einen Menschen zu töten, denn das Urteil bleibe der Unterwelt vorbehalten.
Seelenwanderung
Pythagoras lehrte die Seelenwanderung und soll nach Iamblichos sogar seine eigenen früheren Leben gekannt haben. An Spott fehlte es nicht. Ein Spötter soll ihm einen Brief an seinen verstorbenen Vater mitgegeben haben, mit der Bitte, auch die Antwort mitzubringen. Pythagoras entgegnete, er habe nicht vor, an den Ort der Gottlosen zu gehen, wo, wie er genau wisse, die Mörder bestraft würden.
Der Kenner der antiken Philosophie Walther Kranz hat Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr einen pythagoreischen Gedanken genannt. Wie die Seelenlehre heute gesehen wird, behandelt die Seite Tod und Reinkarnation.
Die Schonung alles Beseelten
Wenn die Seele in Menschen- wie in Tierleibern wiedergeboren werden kann, folgt daraus die Ablehnung des Schlachtopfers und die Forderung nach einem menschlichen Umgang mit allem Beseelten. Die pythagoreische Lehre von der Freundschaft, die als Inbegriff ihrer Weisheit gilt, schließt ausdrücklich auch die Freundschaft zu den vernunftlosen Lebewesen ein.
Tugend als Übereinstimmung mit dem Göttlichen
Aus der Gottesvorstellung folgt eine Tugendlehre, die in Teilen bis heute gültig geblieben ist. Alles, was die Pythagoreer über Tun und Lassen bestimmten, zielte auf die Übereinstimmung mit dem Göttlichen. Nach Iamblichos eiferte Pythagoras dabei in Rede und Gesinnung dem Orpheus nach und verehrte die Götter wie dieser. Man stelle die Götter zwar in Bildern aus Stein und Erz auf, sie seien aber nicht an menschliche Gestalt gebunden. Ihre Form sei göttlich, alles umfassend, alles vorausbedenkend und in Wuchs und Gestalt dem All ähnlich.
Hier zeigt sich eine Vorstellung, die das mythische Denken eines Homer oder Hesiod weit hinter sich lässt. Fast christlich klingt, was Iamblichos als Gebot des Pythagoras überliefert: nie zu schwören und dabei die Namen der Götter zu missbrauchen. Vielleicht spricht hier aber auch der Neuplatoniker Iamblichos selbst.
Riten und Vorschriften
Eine ganze Reihe weiterer Gebote betraf das Verhalten an Festtagen und im Heiligtum, Reinigungs- und Speisevorschriften sowie Bestattungs- und Opferbräuche. Zur Lebensordnung gehörten weiße Kleidung, Schweigezeiten für Neulinge und eigentümliche Verbote, etwa das berühmte Verbot, Bohnen zu essen.
In der späteren Überlieferung wurde Pythagoras selbst zur heiligen Gestalt. Man sagte ihm einen goldenen Schenkel nach, Wunderheilungen und die Gabe, an zwei Orten zugleich zu sein. Seine Anhänger sollen ihn nicht beim Namen genannt haben, sondern nur „jenen Mann“.