Pythagoras – der Philosoph
Das ewige Wesen der Zahl, die Gegensätze als schöpferische Kraft, die Tafel der zehn Gegensatzpaare, die Sphärenmusik und warum Pythagoras die Welt Kosmos nannte.
Der Priester und der Philosoph Pythagoras lassen sich nicht trennen. Im Zentrum seines Denkens steht das ewige Wesen der Zahl. Sie sei der Ursprung, der alles vorausdenkt, der Ursprung des Himmels, der Erde und der Natur dazwischen, und die Wurzel, aus der Götter, Daimonen und göttliche Menschen fortbestehen. Diese Worte soll Orpheus dem Pythagoras durch einen thrakischen Priester offenbart haben.
In seiner Art, in verschlüsselten Sprüchen zu reden, soll Pythagoras in öffentlichen Reden oft gesagt haben: Der Zahl gleicht alles.
Die Gegensätze als schöpferische Kraft
Ein zentraler Gedanke der pythagoreischen Philosophie ist die Polarität als schöpferisches Prinzip. Das war neu im griechischen Denken. Bei Anaximander (um 610 bis 546 v. Chr.) war der Gegensatz nur ein Hilfsgedanke gewesen. Bei den Pythagoreern wird er zur weltschaffenden Kraft: Licht und Dunkel, Gut und Böse, ja der Gegensatz überhaupt, gilt als Grundzug der Welt, wie sie uns erscheint.
Walther Kranz sieht darin eine geistige Verbindung zwischen Griechenland und dem Orient, denn ähnliche Gedanken finden sich in der altiranischen Lehre des Zarathustra. Doch die Griechen formten das Übernommene entscheidend um. Den Gegensatz fanden sie nun in der Zahlenreihe wieder: Die ungerade Zahl steht für feste Begrenzung, die gerade, weil immer wieder teilbar, für das Unbegrenzte. Die Brücke zwischen beiden ist die Harmonie, wörtlich die „Fügung“, die ein bestimmtes Verhältnis der Zahlen zueinander herstellt. Das Weltgesetz, das Anaximander nur geahnt hatte, wird durch die Einsicht in die Bedeutung der Zahl genauer bestimmt. Die Pythagoreer waren die ersten, die in das Geheimnis der Zahl hineinschauten.
Die Zahl in der Musik
Besonders deutlich zeigt sich das in der Musik. Das Verhältnis 1 : 2 ergibt die Oktave, in alter Zeit „Harmonie“ im engeren Sinn genannt, 2 : 3 die Quinte, 3 : 4 die Quarte. Die ersten vier Zahlen bilden hier dreimal das Verhältnis einer ungeraden zu einer geraden Zahl und ergeben so die Grundintervalle.
Dass Saiten- oder Rohrlänge und Tonhöhe in festem Verhältnis stehen, wussten Instrumentenbauer und Musiker längst. Pythagoras hat diese Abhängigkeit der Harmonie von der Zahl als Erster wissenschaftlich betrachtet. Mehr dazu auf der Seite Zahl und Klang.
Die Tafel der Gegensätze
Die Vier, zugleich die erste Quadratzahl, wurde den Pythagoreern heilig, ebenso die Summe der ersten vier Zahlen, die Zehn. Deshalb fassten spätere Pythagoreer die Gegensätze der Welt in einer Tafel von zehn Paaren zusammen, die Aristoteles überliefert:
| begrenzt | unbegrenzt |
|---|---|
| ungerade | gerade |
| eins | vieles |
| rechts | links |
| männlich | weiblich |
| ruhend | bewegt |
| gerade Linie | gekrümmte Linie |
| Licht | Dunkel |
| gut | schlecht |
| quadratisch | rechteckig |
Die Musik der Sphären
Kühn übertrug Pythagoras die Zahlengesetze der Musik auf den Kosmos, auf die Abstände von Sternen-, Sonnen- und Mondsphäre zur Erde. Nach den Pythagoreern wird der ganze Kosmos von Harmonie durchwaltet, von Quarte, Quinte und Oktave. Als ihr Weltbild im 5. Jahrhundert reicher wurde, ließen sie zwischen Fixsternhimmel und Erde die fünf Planeten Kronos (Saturn), Zeus (Jupiter), Ares (Mars), Aphrodite (Venus) und Hermes (Merkur) kreisen, dazu Sonne und Mond. Diese Siebenzahl entsprach den sieben Tönen der Oktave.
Hier liegt der Ursprung der Sphärenmusik. Der Gedanke lebt in der Dichtung bis heute und hat in der Wissenschaft zur harmonikalen Grundlagenforschung geführt, die nach harmonischen Grundstrukturen in der Schöpfung sucht (siehe Sphärenharmonie).
Seine Schüler berichteten, Pythagoras habe die Klänge des Alls hören können. Wir lächeln heute über solche Berichte und lesen sie nur im übertragenen Sinn. Umso bemerkenswerter ist, dass der Philologe Walter Burkert, ein ausgewiesener Kenner des Pythagoreismus, sie ernst nimmt. Er zieht Parallelen zu den belegten Fähigkeiten von Schamanen und hält es für möglich, dass Pythagoras in ekstatischer Entrückung eine himmlische Musik gehört hat.
Später gingen Pythagoreer so weit, die menschliche Seele selbst mit Harmonie gleichzusetzen. Pythagoras dagegen hatte nur gelehrt, die Seele könne Harmonie verstehen, weil sie dem Kosmos wesensverwandt ist.
Schönheit, Weisheit, Philosophie
Eng mit dem Harmoniebegriff verbunden ist der Begriff der Schönheit, der Platon und Aristoteles entscheidend beeinflusst hat. Nach Iamblichos galt die Lebensart derer als die reinste, die sich der Betrachtung der schönsten Dinge widmen. Schön sei es, das Weltall als Ganzes zu betrachten und die Ordnung zu erkennen, nach der sich die Gestirne bewegen. Diese Schönheit komme daher, dass die Welt an einem Ersten teilhat, das nur im Denken erreichbar ist.
Dieses Erste war für Pythagoras Zahl und Proportion, deren Natur alle Dinge durchzieht. Nach Zahl und Proportion ist das All harmonisch gefügt und geordnet. Weisheit ist das Wissen um dieses Schöne, Erste, Göttliche, Unvermischte und stets Gleichbleibende. Philosophie ist das Streben nach dieser Schau.
Kosmos
Von hier aus erklärt sich das Wort Kosmos für das Weltall. Es bedeutet ursprünglich Einteilung, Ordnung und Regelmäßigkeit, aber auch Schmuck (daher unser Wort Kosmetik). Pythagoras soll als Erster die geordnete Welt „Kosmos“ genannt haben. Andere halten diese Überlieferung für unsicher und verweisen auf ein Fragment seines älteren Zeitgenossen Anaximenes, in dem das Wort bereits vorkommt.