Einführung

Pythagoras – die Lehre

Mit den Pythagoreern kam das begriffliche Denken in ein mythisch geprägtes Weltbild. Was die Lehre umfasste und warum sich Meister und Schüler kaum trennen lassen.

Die Wirkung der pythagoreischen Lehre reicht bis in unsere Zeit. Man sagt, durch die Pythagoreer sei das rationale, begriffliche Denken in ein Weltbild eingezogen, das bis dahin vom Mythos bestimmt war. Für Nikolaus von Kues (Cusanus), den Theologen, Philosophen und Kirchenpolitiker des 15. Jahrhunderts, war Pythagoras der erste Philosoph, dem Namen wie der Sache nach.

Das Wort Philosophie, „Liebe zur Weisheit“, soll auf ihn zurückgehen. Er habe sich nicht einen Weisen genannt, sondern einen, der die Weisheit liebt.

Meister oder Schüler?

Welche Gedanken wirklich von Pythagoras selbst stammen und welche erst seine Nachfolger entwickelten, lässt sich heute, von ganz wenigen Grundgedanken abgesehen, nicht mehr feststellen. Schon Aristoteles spricht fast nie von den Lehren des Pythagoras, sondern immer nur von denen der Pythagoreer. Die Schüler schrieben ihre Entdeckungen traditionell dem Meister zu.

Was die Lehre umfasste

Wie weit die Lehre reichte, lässt eine Zusammenfassung bei Iamblichos erahnen, bei aller Vorsicht gegenüber seiner Zuverlässigkeit. Sinngemäß sagt er: Zu Recht habe man Pythagoras hoch geschätzt. Durch ihn sei unter den Griechen eine richtige Vorstellung aufgekommen von den Göttern, Heroen und Daimonen, von der Welt, von den Bewegungen der Sphären und Gestirne mit ihren Verfinsterungen, Exzentrizitäten und Epizyklen, von Himmel und Erde und allem, was sichtbar und verborgen dazwischen liegt. Durch ihn seien Wissenschaft und geistige Schau heimisch geworden, alles, was die Seele sehend macht und den Geist so reinigt, dass er die wahren Urgründe des Alls erkennt.

Und weiter zählt Iamblichos auf, was man Pythagoras verdanke:

  • die beste Staatsverfassung und die Eintracht im Volk
  • die Gütergemeinschaft unter Freunden
  • die Verehrung der Götter und die Pflichten gegenüber den Toten
  • Gesetzgebung und Bildung
  • die Kunst des Schweigens
  • die Schonung der anderen Lebewesen
  • Selbstbeherrschung, Besonnenheit und Scharfsinn

Daraus lässt sich ablesen, in welchen Rollen Pythagoras gesehen wurde. Er war Priester, Philosoph, Politiker und Naturforscher, und als Naturforscher zugleich Mathematiker, Astronom und Arzt. Diesen Rollen folgen die nächsten Teile.

Zwei Kreise von Schülern

Die Pythagoreer unterschieden zwischen Akusmatikern, den „Hörern“, die Regeln und Sprüche befolgten, und Mathematikern, den „Lernenden“, die in die Gründe eingeweiht wurden. Diese Zweiteilung erklärt, warum vieles aus dem inneren Kreis geheim blieb. Mehr dazu in Teil 8: Der Bund der Pythagoreer.