Pythagoras – der Mensch
Herkunft, Lehrjahre, Reisen und das Ende in Metapont: was die antiken Berichte über das Leben des Pythagoras erzählen und wie viel davon gesichert ist.

Über Pythagoras selbst wissen wir sehr wenig, denn er hat nichts Geschriebenes hinterlassen. Was als einigermaßen sicher gilt, stammt aus wenigen Bruchstücken einiger Vorsokratiker und aus vereinzelten Nachrichten bei Herodot (um 490 bis 420 v. Chr.) und Platon (427 bis 347 v. Chr.). Recht glaubwürdig sind außerdem Angaben bei Aristoteles und seinen Schülern Eudemos und Aristoxenos. Aristoxenos kannte noch die letzten Pythagoreer, Schüler des Philolaos und des Eurytos.
Die ausführlichste antike Schrift über Pythagoras und seine Schule verfasste der Neuplatoniker Iamblichos (um 250 bis 330 n. Chr.), also rund achthundert Jahre nach Pythagoras. Ihm ging es weniger um eine Lebensgeschichte als um das Bild der pythagoreischen Lebensform. Die folgenden Stationen und viele der Aussprüche sind deshalb nicht historisch gesichert. Der Inhalt der überlieferten Lehre erlaubt aber Rückschlüsse auf die Persönlichkeit und auf die Grundstruktur ihres Denkens.
Diese achtteilige Reihe folgt in ihren Themen einem Aufsatz von Alfried Lehner in der Zeitschrift TAU (1988). Wie er stützt sie sich vor allem auf Iamblichos.
Herkunft und Geburtslegende
Pythagoras wurde um 570 v. Chr. geboren, wahrscheinlich auf der ionischen Insel Samos. Sein Vater Mnesarchos war dort Goldschmied und Kaufmann. Schon um die Geburt ranken sich Legenden. Ein samischer Dichter nannte Pythagoras sogar einen Sohn Apollons.
Iamblichos erzählt die Vorgeschichte so: Mnesarchos kam mit seiner Frau auf einer Handelsreise nach Delphi und befragte das Orakel wegen einer Seefahrt nach Syrien. Die Pythia sagte ihm eine gewinnbringende Reise voraus und fügte hinzu, seine Frau sei schwanger. Sie werde einen Sohn gebären, der alle Menschen an Schönheit und Weisheit übertreffen und dem ganzen Menschengeschlecht ein großer Helfer sein werde. Mnesarchos schloss daraus, dass der Gott ihm dies nicht ungefragt verkündet hätte, wenn das Kind nicht wirklich außergewöhnlich wäre. Er nannte seine Frau Parthenis fortan Pythaïs und den Sohn Pythagoras, nach dem pythischen Apollon, der ihn angekündigt hatte. Den Verdacht einiger Autoren, Apollon selbst sei der Vater gewesen, weist Iamblichos ausdrücklich zurück.
Kindheit und Jugend
Der Vater ließ dem Sohn die beste Ausbildung zukommen. Nach dessen Tod soll der junge Pythagoras durch Ernst und Besonnenheit aufgefallen sein, sodass ihm selbst die Älteren mit Ehrfurcht begegneten. Wo er sich zeigte oder sprach, zog er alle Blicke auf sich, und viele hielten ihn für einen Göttersohn. Iamblichos schildert ihn als Menschen, der sein Wesen durch Gottesdienst, Wissenschaft und eine sorgfältig gewählte Lebensführung ordnete: beständig in der Seele, maßvoll im Körperlichen, heiter in Wort und Tat, nie vom Zorn überwältigt.
Diese Beschreibung wirkt übertrieben, und sie verrät den Zweck der Schrift. Iamblichos zeichnet am jungen Pythagoras bereits das Ziel der pythagoreischen Lebensform, den vollendeten Menschen. Trotzdem sind wir auf diese Quelle angewiesen, wenn wir den Lebensweg nachzeichnen wollen.
Lehrer und Reisen
Mit achtzehn Jahren soll Pythagoras zu seinem Onkel nach Lesbos gegangen sein, um bei dem Philosophen Pherekydes von Syros zu lernen. Dass er dessen Schüler war, ist nach alten Texten wahrscheinlich. Pherekydes lehrte, die Seele sei unsterblich und kehre immer wieder in einen Körper zurück. Dieser Seelenglaube war über die Orphik nach Griechenland gekommen und prägte Pythagoras stark.
Zwei Jahre später soll er Thales von Milet besucht haben, den ersten griechischen Naturforscher und Philosophen. Auf dessen Rat reiste er wohl nach Sidon in Phönikien und ließ sich in die Mysterien einweihen, die in Syrien gefeiert wurden.
Danach soll er nach Ägypten gegangen sein und dort zweiundzwanzig Jahre in engem Umgang mit der Priesterschaft von Theben verbracht haben, Stufe um Stufe in ihre Weisheit eingeweiht. Als der Perserkönig Kambyses 525 v. Chr. Ägypten eroberte, geriet er angeblich mit der geistigen Elite des Landes in Gefangenschaft nach Babylon. Auch dort habe er rasch das Vertrauen der Priester gewonnen und sei in alle Mysterien eingeweiht worden. Aristoxenos berichtet zweihundert Jahre später sogar von einer Begegnung mit Zarathustra. Iamblichos spricht von zwölf Lehrjahren in Babylon.
Vielleicht hat Pythagoras in Ägypten und Babylon die Kenntnisse erworben, aus denen später die vier Wissenschaften der Pythagoreer wurden: Astronomie, Geometrie, Zahlenlehre und Musik. Belegen lässt sich das nicht. Plausibel ist es, denn der Satz vom rechtwinkligen Dreieck zum Beispiel war in Babylon schon über tausend Jahre früher bekannt.
Kroton
Zurück auf Samos hielt es ihn nicht lange. Nach Iamblichos wich er politischen Ämtern aus, die man ihm aufdrängen wollte, und klagte über die Gleichgültigkeit der Samier gegenüber geistiger Bildung. Die Stadt hatte ihn gebeten, sein Wissen zu teilen. Er tat es auf symbolische Weise, so wie er selbst in Ägypten unterrichtet worden war, und fand damit wenig ernsthafte Zuhörer.
Wann er Samos verließ, ist umstritten. Die Angaben reichen von etwa 532 bis 510 v. Chr. Aristoxenos, der älteste Berichterstatter, lässt ihn mit vierzig Jahren gehen, als die Tyrannis des Polykrates unerträglich wurde, also um 530.
Pythagoras ließ sich in Kroton in Unteritalien nieder und gewann sofort viele Anhänger. Nach seiner ersten Rede sollen sich ihm über zweitausend Menschen angeschlossen haben. Hier gründete er seinen religiös-ethischen Bund.
Verfolgung und Tod
Der Bund wuchs rasch über Kroton hinaus, und je mehr er aufblühte, desto misstrauischer wurde er beobachtet. Seine aristokratische Grundhaltung rief politische Gegner auf den Plan. Einmal soll eine aufgebrachte Menge das Haus angezündet haben, in dem die Pythagoreer versammelt waren. Bis auf zwei kamen alle in den Flammen um. Pythagoras war nach Iamblichos nicht dabei und entging dem Anschlag.
Die Pythagoreer zerstreuten sich über ganz Griechenland und versuchten dort, nach den Grundsätzen des Bundes zu leben. Verleumdungen, sie verführten die Jugend zur Tyrannei und verschwörten sich gegen das Volk, führten bald zu einer allgemeinen Verfolgung. Pythagoras zog nach Metapont am Golf von Tarent, wo er gestorben und begraben sein soll. Die Angaben zu seinem Alter schwanken zwischen etwa 75 und über 100 Jahren.
Ein außergewöhnlicher Mensch
Wie zuverlässig dieser Lebensweg auch sein mag: Pythagoras war sicher ein außergewöhnlicher Mensch. Wo er hinkam, sammelten sich die Menschen um ihn, ließen sich von seinen Reden mitreißen und verehrten ihn. Immer wieder wird seine Selbstbeherrschung hervorgehoben. Sie verrät sein Ziel, die Veredelung des ganzen Menschen, an Körper, Geist und Seele. Dieses Ziel zieht sich durch alles, was wir über seine Lehre wissen.