Pythagoras – der Bund der Pythagoreer
Aufnahmeprüfung und fünf Jahre Schweigen, der Eid auf die heilige Vier, Akusmatiker und Mathematiker, der Tageslauf im Orden, Damon und Phintias und das Ende in der Verfolgung.

Die Pythagoreer verwirklichten ihre Lebensweise in einem Bund. Er lebte in Gütergemeinschaft und nahm neue Mitglieder, ausdrücklich auch Frauen, erst nach langer Probezeit und strengen Prüfungen auf. Als bedeutende Pythagoreerin wird Theano genannt. Die Mitglieder erkannten einander am Pentagramm.
Die Aufnahme
Nach Iamblichos prüfte Pythagoras die Bewerber gründlich. Er fragte, wie sie zu ihren Eltern und Hausgenossen standen. Er beobachtete, wann sie zur Unzeit lachten, wann sie schwiegen und wann sie unpassend redeten, welche Begierden sie hatten, mit welchen Freunden sie wie umgingen, womit sie den Tag verbrachten und worüber sie sich freuten oder grämten. Auch Gestalt, Gang und Bewegungen beurteilte er, denn das Sichtbare galt ihm als Zeichen der unsichtbaren Anlagen der Seele.
Wer diese Prüfung bestand, wurde drei Jahre lang bewusst missachtet. So zeigte sich, ob er standhaft und lernbegierig war und ob ihm äußere Ehre gleichgültig blieb. Danach folgten fünf Jahre Schweigen als Probe der Selbstbeherrschung. In dieser Zeit ging der Besitz jedes Einzelnen in die Gemeinschaft über und wurde eigens dafür bestimmten Mitgliedern anvertraut.
Während der Probezeit hörten die Anwärter die Vorträge nur hinter einem Vorhang, ohne Pythagoras je zu sehen. Wer nach dem Urteil des Meisters würdig war, wurde danach für immer ein Esoterikos, einer „von innen“. Er durfte Pythagoras nun innerhalb des Vorhangs hören und sehen. Wer abgewiesen wurde, bekam seinen Besitz doppelt zurück. Die Gemeinschaft errichtete ihm dann wie einem Toten einen Grabhügel, und begegnete man ihm später, behandelte man ihn wie einen anderen Menschen.
Diese Methode brachte dem Bund nicht nur Freunde. Iamblichos vermutet wohl zu Recht, dass sich unter den späteren Verfolgern neben politischen Gegnern auch Abgewiesene befanden.
Der Eid auf die Vier
Bei ihrer Einweihung leisteten die Neulinge einen heiligen Eid. Man erzählt, man habe sie bis vier zählen lassen. Sobald sie „vier“ gesagt hatten, unterbrach man sie: Damit hätten sie den Eid gesprochen. Wer wisse, was Eins, Zwei, Drei und Vier enthalten, könne die Tür zum Geheimnis öffnen.
Iamblichos überliefert eine Schwurformel, die sinngemäß lautet: Bei dem, der unserem Geschlecht die heilige Vier gegeben hat, die Quelle und Wurzel der immer strömenden Natur. Mehr dazu auf der Seite Was ist die Tetraktys?.
Akusmatiker und Mathematiker
Die Aufgenommenen wurden in zwei Gruppen geteilt, die jeweils den ihrer Veranlagung gemäßen Teil der Lehre erhielten. Die Akusmatiker waren, wie der Name sagt, Hörer. Sie befolgten Regeln, philosophierten aber nicht selbst. Die Mathematiker bildeten wohl den inneren Kreis.
Aus ihrem Kreis ist ein Katechismus überliefert. Seine Sprüche beantworten drei Arten von Fragen: Was ist …?, Was ist am meisten …? und Was soll man tun oder lassen? Iamblichos nennt Beispiele:
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Was sind die Inseln der Seligen? | Sonne und Mond |
| Was ist das Orakel von Delphi? | Die Tetraktys. Sie ist auch die Harmonie der Sirenen. |
| Was ist das Gerechteste? | Opfern |
| Was ist das Weiseste? | Die Zahl, danach das, was den Dingen die Namen gibt |
| Was ist das Schönste? | Die Harmonie |
| Was ist das Mächtigste? | Die Einsicht |
Iamblichos sieht darin sogar eine Verbindung zu den Sprüchen der Sieben Weisen, die vor Pythagoras lebten. Die Fragen nach dem Tun und Lassen enthalten Anweisungen für den Alltag sowie für Opfer und Bestattung. Überall zeigt sich die bildhafte, symbolische Sprache der pythagoreischen Lehre.
Zum Orden gehörten auch Amtsträger, die „Politiker“, „Verwalter“ und „Gesetzgeber“ hießen.
Ein Tag im Orden
Iamblichos beschreibt den Tageslauf so:
- Morgens gingen sie allein an stille Orte mit Hainen und Heiligtümern, um die Seele für den Tag zu rüsten und die Gedanken zu ordnen.
- Danach versammelten sie sich in den Heiligtümern zu Lehre, Lernen und „Aufrichtung des Charakters“.
- Es folgte Sport: Wettlauf, Ringen, Übungen mit Sprunggewichten und Faustkampf gegen einen unsichtbaren Gegner.
- Mittags gab es Brot mit Honig oder eine Wabe, tagsüber keinen Wein.
- Am Nachmittag widmeten sie sich den öffentlichen Aufgaben, der Außenpolitik und dem Umgang mit Fremden.
- Am späten Nachmittag gingen sie zu zweit oder dritt spazieren, wiederholten das Gelernte und übten sich in den edlen Studien.
- Nach einem Bad trafen sie sich zum gemeinsamen Mahl, an Tischen von höchstens zehn Personen. Zuerst opferten sie Wein und Räucherwerk. Das Mahl endete vor Sonnenuntergang und bestand aus Wein, Gerstenkuchen, Brot, Beilagen, gekochtem und rohem Gemüse und dem Fleisch von Opfertieren.
- Nach Trankopfern wurde gemeinsam gelesen. Der Jüngste las vor, der Älteste bestimmte den Text.
- Zum Schluss sprach der Älteste am Tisch eine Mahnung, die sinngemäß lautete: Schädigt keine nützliche, fruchttragende Pflanze und kein Tier, das dem Menschen nicht schadet. Denkt ehrfürchtig von Göttern, Daimonen und Heroen, ebenso von Eltern und Wohltätern. Steht dem Gesetz bei und bekämpft die Gesetzlosigkeit. Dann ging jeder zur Ruhe.
Bettzeug und Kleidung waren aus weißem Leinen, Felle verwendeten sie nicht.
Maß und Gleichmut
Die Fortgeschrittenen enthielten sich alles Beseelten, lebten also vegetarisch, und tranken keinen Wein. Das Töten von Tieren sollte als Frevel empfunden werden, damit die Abscheu vor dem Töten von Menschen umso größer werde und keine Kriege mehr geführt würden. Der Verzicht auf Wein sollte der Zügellosigkeit vorbeugen und das Denken klar halten.
Die strenge Zucht verlangte, auch Schlaf und Nahrung zu beschränken. Zur Übung ließen sie sich angeblich erlesene Speisen vorsetzen und schickten sie unberührt zurück. Sie verachteten Ruhm und Reichtum und pflegten ungekünstelte Ehrfurcht vor den Älteren, aufrichtige Kameradschaft mit Gleichaltrigen und neidlose Förderung der Jüngeren. Alles gipfelte im Grundsatz: Freundschaft aller mit allen.
So wie sie ihren Körper stets in gleicher Verfassung hielten, bis hin zum Gewicht, hielten sie auch ihr Gemüt im Gleichgewicht: nicht bald fröhlich, bald niedergeschlagen, sondern gleichmäßig sanft und heiter. Auf alles, was nicht in ihrer Macht stand, sollten sie gefasst sein. Gerieten sie doch einmal aus dem Gleichgewicht, durch Kummer oder Zorn, zogen sie sich zurück, um den Affekt zu „verdauen und zu heilen“. Keine Strafe und keine Zurechtweisung, die sie „Umordnung“ nannten, durfte im Zorn ausgesprochen werden.
Kluge Schiedsrichter
So erwarben die Pythagoreer eine Weisheit und Lebenstüchtigkeit, die Iamblichos an vielen Beispielen rühmt. Oft wurden sie als Schiedsrichter gerufen:
- In einem Streit um eine große Summe überredete ein Pythagoreer den einen, vier Talente zu zahlen, und den anderen, nur zwei anzunehmen. Dann setzte er den Betrag auf drei fest. So schien er jedem ein Talent geschenkt zu haben.
- Ein Fremder hatte im Heiligtum des Asklepios einen Gürtel mit Geld verloren. Das Gesetz verbot, aufzuheben, was zu Boden gefallen war. Ein Pythagoreer riet ihm, das Geld herauszunehmen, denn das sei ja nicht auf den Boden gefallen, den Gürtel aber liegen zu lassen.
- Als bei einer Theateraufführung Kraniche über die Zuschauer flogen, sagte ein Fremder zu seinem Nachbarn: „Siehst du die Zeugen?“ Ein Pythagoreer hörte es und brachte die beiden vor den Rat. Es stellte sich heraus, dass sie Menschen ins Meer geworfen hatten, die im Sterben die Kraniche über dem Schiff zu Zeugen angerufen hatten. Schiller hat dieses Motiv in der Ballade Die Kraniche des Ibykus verwendet.
Damon und Phintias
Iamblichos erzählt auch, wie Pythagoreer einander in Not beistanden. Dazu gehört die Geschichte von der Bürgschaft auf Leben und Tod, die Schiller, aus anderer Quelle schöpfend, in seiner Ballade Die Bürgschaft gestaltet hat.
Im Umfeld des Tyrannen Dionysios von Syrakus spottete man über die Pythagoreer. Man warf ihnen Hochmut, geheuchelte Freundestreue und gespielte Gelassenheit vor. Andere hielten ihre Haltung für echt. Um es herauszufinden, stellte man Phintias eine Falle: Man beschuldigte ihn, dem Tyrannen nach dem Leben zu trachten. Alle Anwesenden bezeugten seine Schuld, und Dionysios verurteilte ihn mit gespielter Empörung zum Tod.
Phintias nahm das Urteil an, bat aber um den Rest des Tages, um seine Angelegenheiten und die seines Freundes Damon zu ordnen, mit dem er in Gütergemeinschaft lebte. Damon sollte für ihn bürgen. Dionysios und seine Leute staunten schon, dass Damon wirklich kam. Ganz fassungslos waren sie, als Phintias vor Ablauf der Frist zurückkehrte, um sich hinrichten zu lassen. Dionysios umarmte die Freunde und bat, als Dritter in ihren Bund aufgenommen zu werden. Sie lehnten ab, so sehr der Tyrann auch drängte. Iamblichos beruft sich dabei auf Aristoxenos, der die Geschichte von Dionysios selbst gehört haben will.
Iamblichos betont auch, wie tüchtig manche Pythagoreer als Staatsmänner und Herrscher waren. In ihrer Zeit habe man in Italien und Sizilien die besten Verfassungen gefunden.
Die Verfolgung
Noch einmal: Iamblichos schreibt keine Geschichte in unserem Sinn. Seine hohe Meinung verdient aber Beachtung, und sicher handelte es sich bei dem Bund und seinem Gründer um Menschen mit hohen ethischen Zielen.
Warum eine solche Gemeinschaft so erbarmungslos verfolgt wurde, darüber gehen die Meinungen auseinander. Politische Rivalität gegenüber einer aristokratisch gesinnten Gruppe, der Hass mächtiger Abgewiesener, kleinliche Intrigen und vor allem die Eifersucht derer, die sich solchen Zielen nicht gewachsen fühlten, dürften zusammengewirkt haben.
Rudolf Steiner sah den Grund darin, dass Pythagoras und seine Schüler anderen Göttern dienen wollten als das Volk. Das Volk war mit seinen Göttern zufrieden, Pythagoras aber musste sie ins Reich des Unvollkommenen verweisen. Darin liege das Geheimnis, das Uneingeweihten nicht verraten werden durfte: Sein Denken schrieb der menschlichen Seele einen anderen Ursprung zu als den Göttern der Volksreligion. Nur sorgfältig Vorbereiteten konnte er vermitteln, dass sie sich als Seelen in gewissem Sinn sogar höher sehen durften als die Volksgötter. Auf dieses Geheimnis führte Steiner die zahlreichen Angriffe zurück.
Zu allen Zeiten war die Kraft des Geistes manchen Menschen unheimlich. Der Vorwurf, hinter verschlossenen Türen geschehe etwas zum Schaden aller, war dabei meist nur ein Vorwand. Die Verfolgung der Freimaurer in totalitären Staaten, oder zumindest das Verbot ihrer Versammlungen, ist eine auffallende Parallele (siehe Freimaurerei).
Erschütternd ist, was Iamblichos über das Ende berichtet: Die Ausgeschlossenen, denen man Grabhügel errichtet hatte, griffen die Pythagoreer an und versuchten, sie alle zu verbrennen. Italiker steinigten sie und warfen sie unbestattet hinaus. Mit den Wissenden ging auch ihr Wissen unter, denn sie hatten es nur im Herzen bewahrt. Nach außen gelangte nur Unverständliches und Ungeklärtes, bis auf wenige schwache Funken, die bei denen erhalten blieben, die gerade in der Fremde waren. Solche Berichte erinnern an den Untergang des Templerordens und mancher antiker Mysterien.
Was bleibt
Die Lehre lebte in kleineren Kreisen fort: bei Philolaos, bei Archytas von Tarent, bei Platon, der die pythagoreischen Gedanken in den Timaios aufnahm, und später bei den Neupythagoreern der römischen Zeit (siehe Die antiken Quellen).
Seit Jahrtausenden finden sich Menschen zusammen, um dem Geheimnis von Schöpfung und Leben nachzuspüren. Sie hören nach innen und werden in diesem Sinn Esoteriker. In den Erscheinungen der Welt sehen sie Zeichen göttlichen Wirkens und finden im Gegenständlichen das Symbolon, das Erkennungszeichen einer geistigen Wahrheit. Ebenso lange gibt es jene, denen ein solches Wesen ein stiller Vorwurf ist.
So gleicht der Weg des Menschen einem Kampf um das Licht, wie in einem Wald, in dem jeder Baum zum Licht wächst. Das Dunkel ist Wirklichkeit und gehört zum Wesen der Welt. Aber so wie die Welt aus polaren Kräften entstanden ist und besteht, wie sich höheres Leben durch die Polarität der Geschlechter fortpflanzt und neue Erkenntnis aus dem Streit der Meinungen wächst, so ist der Weg des Geistes zum Licht nicht aufzuhalten. Vieles, was einst als Mysterienwissen gehütet wurde, wie das Gesetz der Polarität, ist heute Allgemeingut. So lebt der Same der alten Weisheitsbünde fort. Hier und da geht ein Senfkorn auf, blüht und geht im Sturm wieder unter, aber nicht, ohne etwas von seinem Geheimnis weiterzugeben: das Wissen vom Ziel der Schöpfung, sich hinauf zu entwickeln in die Sphäre des Geistes.