Philosophie

Tod und Reinkarnation – Geist und Materie

Die Seelenwanderung war ein Kern der pythagoreischen Lehre. Was die Philosophie dazu sagt und welche Forschung es dazu gibt.

Neben der Zahl stand bei Pythagoras die Seele im Mittelpunkt. Die Pythagoreer lehrten, dass sie unsterblich ist und nach dem Tod in neue Körper wandert (siehe Pythagoras). Philolaos beschreibt den Körper als Gefängnis oder Grab der Seele, in das sie zur Strafe gebunden wurde (siehe Die antiken Quellen).

Gadamer über Pythagoras

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900–2002) betrachtet in Der Anfang der Philosophie die religiöse Seite der Vorsokratiker, von Homer über die Orphik bis zum Dionysoskult. Ihn interessiert daran vor allem, dass in diesem Kult die Seele im Mittelpunkt der Religiosität steht. Gadamer bemerkt, dass die antiken Lebensbeschreibungen fast alle frühen Denker, von Anaximander bis Parmenides, als Anhänger des Pythagoras darstellen. Er deutet das so: Pythagoras vereinte die Grundmotive der frühen Philosophie in sich, das Rätsel der Zahlen und das Rätsel der Seele und ihres Schicksals. Die Stelle findet sich auch bei Alfried Lehner, Die Esoterik des Pythagoras.

Physiker über die Seele

Inzwischen halten auch einige namhafte Physiker eine physikalisch beschreibbare Seele zumindest für denkbar, wie das Buch Die geheime Physik des Zufalls. Quantenphänomene und Schicksal zusammenträgt. Ausgangspunkt ist die Verschränkung, die Einstein als „spukhafte Fernwirkung“ beiseitelegte und die unter anderen der Wiener Physiker Anton Zeilinger experimentell nachgewiesen hat. Hans-Peter Dürr, lange Direktor am Max-Planck-Institut für Physik in München, hielt den Dualismus der kleinsten Teilchen nicht auf die subatomare Welt beschränkt. Der Dualismus von Körper und Seele war für ihn so wirklich wie der von Welle und Teilchen, und er dachte an einen universellen Quantencode, der seit dem Urknall alle Materie verbindet. Folgerichtig glaubte er an ein Dasein nach dem Tod: Das Diesseits sei gleichsam die Schlacke, das Greifbare, das Jenseits die umfassende, viel größere Wirklichkeit, von der unser Leben schon jetzt umfangen ist.

Neu ist der Gedanke nicht. C. G. Jung und Wolfgang Pauli suchten ab 1947 in einem regen Briefwechsel nach einer physikalischen Deutung der Synchronizität, sinnhaft erlebter Zufälle ohne ursächlichen Zusammenhang. Der Heidelberger Medizintechniker Markolf H. Niemz, der sich mit Nahtodforschung beschäftigt, vermutet, dass die Seele sich beim Tod mit Lichtgeschwindigkeit verabschiedet. Der Physiker und Mediziner Christian Hellweg fand die Eigenschaften des Geistigen genau denen der rätselhaften Quantenwelt entsprechend. John A. Wheeler stellte fest, dass die Hoffnung vieler Physiker auf eine im Grunde klassische Welt durch neue Experimente zunichtegemacht wurde. Und der Physiker und Molekularbiologe Jeremy Hayward hielt es für möglich, dass Bewusstsein neben Raum, Zeit, Materie und Energie ein Grundelement der Welt ist, vielleicht sogar grundlegender als Raum und Zeit. Sollte sich das bestätigen, stünden Naturwissenschaft und Religion einander nicht mehr als Gegensätze gegenüber, sondern ergänzten sich wie ein rechter und ein linker Schuh.

Wahrnehmung beim Herzstillstand

Aus den vielen Berichten über Nahtoderfahrungen ist hier nicht das Bekannte wichtig, Tunnel, Licht und Lebensfilm, sondern ein einziges Detail. Immer wieder schildern Menschen nach einem Herzstillstand genau, was um sie herum geschah, während sie ohne Bewusstsein waren: aus welchem Schrank der Arzt die Spritze nahm, wer was sagte, und manchmal sogar, was jemand dachte. Anwesende bestätigten solche Angaben später. Steht das Herz still, fließt kein Blut, und mit dem Gehirn fallen alle Sinne aus. Wie also können Menschen wahrnehmen, wenn das Organ der Wahrnehmung nicht arbeitet, und das, wie sie berichten, wacher als je zuvor im Leben? Ob solche Berichte einer strengen Prüfung standhalten, ist umstritten. Wenn ja, wären sie ein Hinweis, dass ein immaterieller Geist auch ohne Körper wahrnimmt.

Dann wäre auch der Tod neu zu bedenken. Er erzeugt Angst und scheinbare Sinnlosigkeit, und aus ihr wächst der Wunsch nach Betäubung im gedankenlosen Konsum. Was ist Traum, was Wirklichkeit? Schlafen wir im Tod ein, oder erwachen wir? Diese Fragen führen zurück zum Hauptanliegen dieser Seite, dem Nachdenken über die ersten Ursachen, und zu den vier Gestalten um den Thron Gottes: Energie, Raum, Zeit und Materie, die pythagoreische Tetraktys (siehe Der Thron Gottes und die Zahl 24).

Forschung zur Reinkarnation

Lässt sich über Wiedergeburt mehr sagen als ein Glaubenssatz? Gibt es dazu ernsthafte Forschung? Lesenswert sind die Arbeiten des Mathematikers und Physikers Joachim Felix Hornung. Seine Webseiten stellen Ergebnisse zu Reinkarnationsforschung, Nahtoderfahrungen und Jenseitsforschung vor, dazu spirituelle Aspekte der Organtransplantation, und grenzen sich von der modernen Esoterik ab. Sie erklären auch, was „Esoterik“ bei Pythagoras ursprünglich bedeutete: das Wissen des inneren Kreises, im Gegensatz zu dem, was nach außen gelehrt wurde. Hornung veröffentlichte außerdem eine kritische Auseinandersetzung mit der üblichen Methode der Arzneimittelprüfung durch Doppelblindstudien sowie eine Erzählung, Doaram, der Seher.

Das Thema bleibt hier ein Hinweis darauf, dass für die Pythagoreer Zahl und Seele zusammengehörten: Wer die Ordnung der Zahlen erkennt, erkennt auch etwas über den Ort der Seele in der Welt.