Polygone und Sternpolygone in der Freimaurerei
Dreieck, Pentagramm, Hexagramm und der flammende Stern sind feste Bestandteile freimaurerischer Symbolik. Waren sie nur Zeichen, oder steckte Wissen dahinter?
Freimaurer verstehen ihren Bund als Gemeinschaft, in der jeder an sich selbst arbeitet, um ein besserer Mensch zu werden. Ihre Grundideale sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Dachverband in Deutschland sind die Vereinigten Großlogen von Deutschland.
Warum steht die Freimaurerei in der Rubrik Mystik? Weil sie sich selbst mit Zahlensymbolik und Mystik beschäftigt. Ihre Wurzeln liegen nicht nur in den Dombauhütten (siehe Die Signaturen der Dombauherren), sondern auch im kabbalistischen und rosenkreuzerischen Gedankengut. Diese westliche Esoterik war eine Rückbesinnung auf die gnostischen Wurzeln des Christentums und ein Protest gegen die Dogmen der Zeit. Einige Logen sind sogar nach Pythagoras benannt.
Die Figuren
Die Freimaurerei arbeitet mit Symbolen, in denen Zahlen und geometrische Figuren eine große Rolle spielen. In Publikationen, Ritualgegenständen und Logenräumen findet man immer wieder Vielecke und Sternpolygone. Die Zuordnungen sind nicht streng festgelegt:
- Das Dreieck kann den „Allmächtigen Baumeister aller Welten“ bedeuten, aber auch den Lehrlingsgrad.
- Das Pentagramm kann den Menschen bedeuten, aber auch den Gesellengrad.
- Das Hexagramm kann die Verbindung von Gott und Welt oder die Polarität schlechthin bedeuten, aber auch den Meistergrad.
Gerade die vier Startfiguren der Tetraktys, Dreieck, Hexagramm, Pentagramm und doppeltes Pentagramm (das man als „flammenden Stern“ deuten könnte), gehören zu den wichtigsten Symbolen. Man findet sie auch auf den Bijous, den Abzeichen, die Logenmitglieder bei der Ritualarbeit tragen. Neben diesen vier gibt es viele weitere Figuren in der Freimaurersymbolik, fast immer aber Symmetrien um einen Mittelpunkt.
Die vier Startfiguren der Tetraktys: Dreieck, Hexagramm, Pentagramm und doppeltes Pentagramm, der „flammende Stern“.
Winkelmaß und Zirkel
Das Emblem der Freimaurerei sind Winkelmaß und Zirkel, ineinander verschränkt, manchmal mit dem Buchstaben G in der Mitte. Dieses G wird von Freimaurern selbst oft als Geometrie gedeutet, und mit Zirkel und Winkelmaß betreibt man ja genau das. Beide Werkzeuge lassen sich mit vielen Begriffspaaren belegen, im weitesten Sinne wie Yin und Yang. Könnte es nicht sein, dass die geistigen Vorfahren der Freimaurerei, wie Pythagoras, und spätere „Geometriewissende“ mit genau diesen Werkzeugen die Geheimnisse der Schöpfung entdeckt haben? Mit Zirkel und Winkel zeichnet man Kreise, Vielecke und Sternpolygone, also die Figuren, die unter Der Schlüssel zur Tetraktys zahlentheoretisch erklärt werden. Hier findet man Zusammenhänge, bei denen man sich nicht mehr mit mystischen Deutungen begnügen muss. Sie könnten der Freimaurersymbolik so etwas wie ein wissenschaftliches Fundament geben.
Warum waren den Gründervätern diese Figuren so wichtig? Waren es nur Symbole? Verschwiegenheit ist eine Tugend des Bundes, und vielleicht ist das alte Wissen auch mit den letzten Eingeweihten begraben worden. Ein Beispiel ist ein alter Freimaurergrabstein auf einem Kirchhof in Castleton (Derbyshire) mit freimaurerischer Symbolik.
Punkt, Linie, Fläche und Körper bei Samuel Prichard
1730 erschien in London Masonry Dissected, „Zergliederte Freimaurerei“, von Samuel Prichard. Die Schrift machte das freimaurerische Brauchtum zum ersten Mal ausführlich öffentlich, erlebte viele Auflagen und Übersetzungen und veranlasste die Londoner Großloge, ihre Rituale zu ändern. Sie ist als Frage-und-Antwort-Stück aufgebaut, und darin taucht die pythagoreische Tetraktys von Punkt, Linie, Fläche und Körper ganz direkt auf. Schon der erste Satz nennt als Grundlage der Maurerei die freien Künste, vor allem die fünfte, die Geometrie. Im Katechismus des Lehrlings heißt es (in eigener Übersetzung):
F. Wie viele Grundsätze gibt es in der Maurerei?
A. Vier.
F. Welche sind es?
A. Punkt, Linie, Fläche und Körper.
F. Erklärt sie.
A. Der Punkt ist die Mitte, um die der Meister nicht irren kann, die Linie ist Länge ohne Breite, die Fläche Länge und Breite, der Körper umfasst das Ganze.
Und im Stück für den Gesellengrad:
F. Warum wurdet Ihr zum Gesellen gemacht?
A. Um des Buchstabens G willen.
F. Was bedeutet dieses G?
A. Geometrie, die fünfte Wissenschaft.
Ein deutlicher Hinweis darauf, dass pythagoreisch-platonisches Denken zumindest in den Anfängen der Freimaurerei einen hohen Rang hatte. Auch frühe freimaurerische Literatur gab diese Stellen getreu wieder. Der englische Text ist bei archive.org frei zugänglich.
Die Tetraktys im Rebis
Der Holzschnitt aus der Theoria philosophiae hermeticae von Heinrich Nollius (Hannover 1617) zeigt eine rosenkreuzerische Allegorie, das „philosophische Ei“. Rebis, lateinisch „zwei Dinge“, bezeichnet in der Alchemie die Vereinigung zweier Prinzipien zu einem höheren, etwa von Sulphur und Mercurius, vor allem aber von männlichem und weiblichem Prinzip im Hermaphroditen bei der Bereitung des Steins der Weisen.

Für die Freimaurerei ist bemerkenswert, dass der Hermaphrodit, der Sonne (männlich) und Mond (weiblich) in sich vereint, Zirkel und Winkelmaß in den Händen hält: den Zirkel für den Geist, männlich, das Dreieck, und das Winkelmaß für die Materie, weiblich, das Viereck. Und was bedeutet die Kugel ganz unten mit dem eingezeichneten Dreieck und Quadrat und den Ziffern 3 und 4? Bei genauerem Hinsehen stehen an den Enden der senkrechten Linie durch die Kugelmitte auch die Ziffern 1 und 2. Also wieder 1 + 2 + 3 + 4. Offenbar soll auf ein geometrisches Gesetz hingewiesen werden: Dicht gepackte Kugeln bilden, wenn man ihre Mittelpunkte verbindet, ein Gitter aus Dreiecken und Quadraten (siehe Die lückenlose Raumfüllung und Die Signaturen der Dombauherren).
Die vier Elemente bei Emil Stejnar
Wer sich für die Esoterik der Freimaurerei interessiert, dem seien die Bücher des Mystikers und Freimaurers Emil Stejnar empfohlen: Exerzitien für Freimaurer (1984) und Die vier Elemente. Der geheime Schlüssel zur geistigen Macht. Stejnars Hauptthema ist die Vier-Elemente-Lehre und ihre Entsprechung im vierbuchstabigen Gottesnamen JHWH. Gemeint sind die vier Elemente des „Mikrokosmos“, ihre Entsprechungen in der menschlichen Psyche. Er orientiert sich am Bild eines vierpoligen Magneten, das auf den Magier Franz Bardon (Der Weg zum wahren Adepten) zurückgeht und dessen Pole einander bedingen:
| Element | Wirkung | Eigenschaft | Seelenkraft |
|---|---|---|---|
| Feuer | Energie | aktiv | wollen |
| Wasser | Resonanz | passiv | fühlen |
| Luft | Information | leicht | denken |
| Erde | Speicher | schwer | Bewusstsein |
Eine Zeichnung Stejnars zeigt vier ineinandergreifende Händepaare, mit dem Gottesnamen in der Mitte: Die vier Elemente sind untrennbar. Dasselbe Motiv findet sich in den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer.
Alfried Lehner
Ein weiterer Freimaurer und Autor, der sich mit dem Bund der Pythagoreer und dem Lambdoma beschäftigt hat, ist Alfried Lehner. Empfehlenswert sind sein Buch Die Esoterik der Freimaurer und ein zweites, schwer erhältliches Werk, Das wunderbare Wissen vom Wesen der Welt. Eine Ritualkunde für Freimaurer-Meister, das unter anderem die philosophischen Aspekte des Lambdoma behandelt.
Oswald Wirth
Bücher über die ursprüngliche christlich-esoterische Freimaurerei und ihre Wurzeln in Pythagoreismus, Platonismus und Neuplatonismus, die auch die heutigen Rituale verständlicher machen, gibt es nicht viele. Ein lesenswertes Standardwerk ist die Trilogie von Oswald Wirth, drei Bände entsprechend den drei Graden Lehrling, Geselle und Meister, deutsche Erstausgabe 2014 in der Edition Königliche Kunst. Wirth ist in Deutschland vor allem als Tarotforscher und Hermetiker bekannt, in Frankreich war er ein bedeutender Freimaurer und Publizist. Seine Bände enthalten viel über Esoterik und Alchemie in der Freimaurerei und leiten deren Symbole geometrisch her, aus pythagoreischen und platonischen Quellen. Er geht, wenn auch knapp, auf das Zehn-Punkte-Dreieck der Tetraktys ein und kommentiert den Kreis mit dem Punkt in der Mitte, die zehn Sefirot der Kabbala, den vierbuchstabigen Gottesnamen, Dreieck, Viereck, Pentagramm und Hexagramm. Den kubischen Stein versteht er nicht nur als Werkstein, sondern als einen Bau, der sich durch Kristallisation vollzieht. Welche Philosophie dahinter steckt, erschließt sich erst beim Studium der kubischen Kristallsysteme.
Die Teile und das Ganze
Komplexe Dinge hören auf zu bestehen, sobald man sie in ihre Einzelteile zerlegt, denn man erkennt sie nur an ihren Beziehungen zu anderem. Auch ein Symbol ist nur durch seinen Unterschied zu Ähnlichem bestimmt, und dafür muss man das System kennen, in das es eingebunden ist. Diese Seite möchte dazu ermuntern, dieses System in der Natur selbst zu erforschen.
Zur Freimaurerei siehe auch Herders Metakritik und Der Thron Gottes und die Zahl 24.
Kreis, Dreieck und Quadrat um einen Mittelpunkt: das geometrische Grundgerüst, aus dem die Bauhütten ihre Zeichen ableiteten.